Echte Vielfalt

Traditionelle und historische Gemüse- und Obstsorten sehen häufig sehr interessant aus. Warum sie es verdienen, nicht vergessen zu werden.

Artikel vom Fr, 02. Juni 2017

Diversität statt Gleichförmigkeit

Jetzt, zu Beginn des Sommers laden wieder herrliche Obst- und auch Gemüsesorten zum gesunden Schlemmen ein. Zum Beispiel Tomaten. Ob in der Pasta-Sauce, vom Grill oder im Salat; Tomaten sind reich an Carotinoiden, die den Früchten ihre orange-rote Färbung verleihen und zu den sekundären Pflanzenstoffen bzw. Phytochemikalien gehören. Das dominierende Carotinoid in Tomaten ist Lycopin und gilt als zellschützendes Antioxidans. Saftig sollen Tomaten sein, mit dem typischen Aroma. Aber schmecken die Tomaten, die wir heute kaufen können auch wirklich so gut? Wir meinen nach reiflicher Überlegung und Eigenerfahrung, nicht so wirklich. Das Gemüse und auch Obst, das man heutzutage generell kaufen kann, schmeckt bei weitem nicht mehr so aromatisch wie früher. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Geschmack sonnengereifter Tomaten aus Oma’s Garten? Wer sie schon einmal direkt vom Strauch gegessen hat weiß, sie schmecken viel besser und aromatischer und sind mit Standardware aus dem Supermarkt nicht zu vergleichen. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie eine an der Sonne ausgereifte Tomate oder ein Apfel einer traditionellen Sorte schmeckt, der durchaus auch seine „Schönheitsfehler“ haben darf - und damit kommen wir zu einem grundsätzlichen Problem:

Durch die industrielle Massenproduktion wird mittlerweile nur noch eine sehr begrenzte Auswahl an Obst und Gemüse für unsere Ernährung angebaut. Durch die Züchtung auf bestimmte Eigenschaften hin - wie etwa makellose Optik, längere Haltbarkeit und Lagerfähigkeit sowie beschleunigtes Wachstum, damit die Ware schnell in den Handel gelangt - haben Obst- und Gemüsesorten im Laufe der Zeit an Geschmack und Aroma verloren. Wenige große Saatgutkonzerne und Behörden bestimmen letztendlich darüber, was die überwiegende Mehrheit der Verbraucher heute an diesen Lebensmitteln kaufen kann. Sorten, die vor wenigen Jahrzehnten noch bekannt waren, sind heute gänzlich aus dem Handel verschwunden. Im Zuge der Vereinheitlichung und Marktanpassung ist die genetische Vielfalt, die es teils seit vielen Jahrhunderten gibt, aus dem Blickfeld des Verbrauchers geraten.

Aber es gibt sie noch! Leidenschaftlichen Gärtnern und Gourmets, die um den Erhalt alter, traditioneller Kultursorten besorgt sind, bauen sie noch an, tauschen Saatgut sogar untereinander aus, um die zu Raritäten gewordenen Sorten zu bewahren. Neben dem besseren Geschmack und der oft spannenden Optik haben historische Sorten noch einen weiteren Vorteil und zwar für unsere Gesundheit: Sie haben eine höhere Vitalstoff-Dichte, sind also reicher an Vitaminen, Mineralien und sekundären Pflanzenstoffen als ihre modernen Formen. Alte dunkelfarbige Möhrensorten etwa, die ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Afghanistan stammten und sich westwärts ausbreiteten, wo sie im Laufe der Zeit durch Mutation und Kreuzung zu den orangefarbenen Möhren wurden, die wir heute alle kennen - enthalten viel mehr Provitamin A als neuere Möhrensorten. Provitamin A (Betacarotin) ist gut für unsere Sehkraft. Alte und historische Möhrensorten haben oft eine dunkelviolette Färbung, aufgrund von Anthocyanen, jenen sekundären Pflanzenstoffen, die auch in dunklen Beerensorten wie z.B. Wildheidelbeeren enthalten sind und als starke Antioxidantien gelten. Es wird angenommen, dass die schwarze Karotte (Daucus carota) schon in der Steinzeit verzehrt wurde und somit zu den ältesten Gemüsesorten der Menschheit zählt.

Bereits an diesem Beispiel wird ersichtlich: Die Natur bietet eine ungeheure Vielfalt, die sich leider im heutigen Handel kaum noch abbildet. Von Zeit zu Zeit finden wir in manchen Märkten Sorten, die eigentlich in Vergessenheit geraten sind, aber ein kurzes Revival erleben, etwa weil Sterneköche und die Slow Food-Bewegung sie zum neuen Trend erheben - wie das Filder Spitzkraut, Mangold, Pastinaken, Topinambur und Schwarzwurzeln. Unter den Obstsorten findet man manchmal wieder Stachelbeeren und auch alte Apfelsorten, z.B. Gravensteiner. In der Regel muss man nach diesen Raritäten aber schon suchen. So gibt es auf manchen Bio-Höfen besonderes Obst und Gemüse, das zwar höherpreisig ist, aber für unglaublich neue Geschmackserlebnisse sorgt und unseren Körper mit einer hohen Dichte an Vitalstoffen verwöhnt. Bei biologisch angebauten Lebensmitteln können wir zudem noch davon ausgehen, dass auf den Einsatz von künstlichen Düngern und Pestiziden verzichtet wird. Wer echte Vielfalt möchte, muss sich genauer umschauen und kommt sogar nicht umhin, sie auch selbst anzubauen. Probieren Sie es einfach aus! Es müssen ja nicht gleich alte, historische Tomatensorten sein, die wirklich ein unvergleichliches Aroma besitzen. Eigenes Bio-Gemüse, Obst und sogar Kräuter anzubauen macht Spaß und Sie werden erstaunt sein, was es alles an Sorten gibt, die Sie zuvor nicht kannten. Aus einem reichen Angebot an außergewöhnlichem Saatgut können Sie selbst bestimmen, was davon ausreift und letztendlich geschmackvoll angerichtet Platz auf Ihrem Teller findet - statt sich mit langweiliger Supermarktware zufrieden zu geben, die irgendwie immer gleich aussieht und auch so schmeckt.